Daniel: Hallo Alexander, vielen Dank für die Zeit! Zusammen mit deiner Schwester Sabrina machst du Golem Productions und gemeinsam schreibt und gestaltet ihr Abenteuer für Pirate Borg. Da stellt sich natürlich die Frage: Was macht ein gutes Abenteuer für Pirate Borg aus? Welche Elemente muss es haben?

Alexander: Hi Daniel, und vielen Dank für die Einladung! Ja, wir haben letzten Sommer an Limithrons CABIN FEVER Jam teilgenommen und mit The Way of the Worm den „Best Adventure“ Award gewonnen. Jetzt gerade crowdfunden wir mit Ravaged by Storms ein Kampagnenbuch und zusätzliche Zines auf Kickstarter.

Für mich ist Pirate Borg ein schnelles, unkompliziertes System, um Piratenabenteuer in einer humorvoll dunklere Version der Karibik zu erleben. Es geht weniger um die schrecklichen Details der realen Geschichte – Sklaverei, sexuelle Gewalt oder Genozid – sondern darum, sich mit ein paar Skeletten um den Schatz zu prügeln. Eher „Fluch der Karibik“ mit einer Prise Lovecraft als „Black Sails“ oder „Empire of Blues“. Was nicht heißen soll, dass Pirate Borg  ernsthaftere Kampagnen nicht zuließe, falls man die wünscht.

Viele Spieler:innen kennen einige Piraten Tropes. Das macht es in der Regel einfach, einzusteigen: Schiffe kapern, auf einer einsamen Insel überleben oder Flüche brechen. Man muss wenig erklären, um sich das Setting vorstellen zu können, und das Regelsystem ist in wenigen Minuten erklärt.

Was braucht ein Abenteuer noch? In unserem Fall kann ich sagen, dass bei jedem unserer drei Abenteuer bisher eine Art Stimmungsbild am Anfang standen. Ein Parasit auf einer beschaulichen Insel für „The Way of the Worm“ oder der mächtige Coatl über einer stürmischen See für „Ravaged by Storms“. So ein einzigartiges Gefühl jeweils, was sich dann natürlich in den Inhalten und dem grafischen Design widerspiegelt. Das gilt aber vermutlich für Abenteuer aller Systeme. Für Pirate Borg im Speziellen sollten sie natürlich Karibikcharakter mitbringen, Schiff und Crew als mögliche Kernstücke berücksichtigen und auch, dass die Spieler:innen in der Regel keine strahlenden Helden sind, sondern Piraten.

Schließlich: Pirate Borg gibt sich ganz der Design- und Spielphilosophie der OSR hin. Dementsprechend zählen Tugenden wie Spieleragenda, interessante Situationen statt vorgefertigter Plots, interessante Zufallstabellen, eine gewisse Gefährlichkeit und ein übersichtliches Design für die Spielleitung.

Daniel: Ich finde gerade das übersichtliche Design reizvoll, weil es der Spielleitung viel Arbeit spart und das Abenteuer schneller vorbereitet werden kann. Aber gleichzeitig trifft die alte Redewendung „Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich dir einen kürzeren Brief geschickt“ wirklich zu, denn kurze Abenteuer haben zwar wenig Text, aber dafür muss hier alles sitzen. Wie machst du das? Startest du mit einem langen Text und kürzt dann runter oder arbeitest du direkt im Layout und weißt, wie viel Platz du hast?

Alexander: Das fragst Du, wo wir gerade mit Ravaged by Storms das erste und größte Kampagnenbuch für Pirate Borg veröffentlichen, das auf immerhin 72 Seiten kommt. (lacht).

Wo fange ich an? Wir haben mit einer Seitenplanung angefangen und festgelegt, welche Information auf welche Doppelseite kommt. Dabei haben wir viel gelernt und während wir dieses Mal dann im Laufe der Zeit doch noch viel ändern mussten, möchte ich nächstes Mal an dieser Phase intensiver arbeiten, um ein Übermaß an Korrekturen und Veränderungen zu vermeiden.

Dann schreibe ich den Text in einem Textprogramm, manchmal mit einem Scribble, wie ich mir die Aufteilung der Doppelseite vorstelle. Das ist allerdings nur ein Vorschlag, kein Auftrag. Sabrina ist bei uns für die visuelle Gestaltung zu ständig – sie macht das Layout, alle Illustrationen, die Karten, NPC Portraits, Typographie, alles. D.h. sie setzt dann meinen Text in ein Layout, das nahe oder weit weg von meinem Scribble sein kann, und dann sehen wir, ob wir mehr oder weniger Text brauchen.

Wir haben uns übrigens das Motto gegeben: „art-heavy, no art-punk“. Pirate Borg setzt auf die Klarheit von Old School Essentials oder Mothership, ohne dabei an visueller Kühnheit einzubüßen, für die Borg Spiele bekannt sind. Wir haben uns entschieden, diesem Weg zu folgen. Wir haben viel in die visuelle Gestaltung investiert (über 40 originale Art-Pieces in Ravaged by Storms), diese aber mit einem übersichtlichen, funktionalen Layout kombiniert, das während des Spiels leicht zu überblicken ist.

Daniel: Ravaged by Storms ist ein gutes Stichwort. Die Kampagne läuft ja wunderbar (Glückwunsch!), worum geht es denn dabei und wie kann man da noch mitmachen? Und natürlich: Wird es auch eine deutsche Ausgabe geben?

Alexander: Danke Dir! Ja, wir sind sehr glücklich und positiv überrascht. Es läuft gut und eigentlich sogar noch viel besser als wir uns erhofft hatten. Ravaged by Storms ist das erste umfangreiche (72 Seiten) Kampagnenbuch für Pirate Borg, eine „mythische Sandbox“. Was meinen wir damit? Wir sind ja im OSR Genre unterwegs, also gibt es keine vorgefertigten Plots oder Szenen, denen man zwanghaft folgt. Im Gegenteil, das Buch ist recht modular und man kann das Gebiet recht frei erkunden. Auf der anderen Seite gibt es aber schon eine Hintergrundgeschichte, die zu einem initialen Ereignis am Anfang des Abenteuers führt, wenn die Spieler das Archipel, die Death Wind Islands, erstmals betreten. Wie sie darauf reagieren, ist ihre Sache, aber es wird die Kreaturen und Fraktionen, die in diesem Abenteuer eine Rolle spielen, in Aufruhr und Bewegung versetzen. Wir haben dann Begegnungstabellen, Prozeduren für dynamische Fraktionsaktivitäten, einen Countdown und andere Tools, damit man die „Sandbox“ nicht ala Skyrim unendlich lang erkundet, wie in einem Videospiel, sondern sich eine bedeutungsvolle Geschichte ergeben wird: aus den sich entfaltenden Ereignissen, aber vor allem auch aus dem, was die Spieler daraus machen.

Darüber hinaus bieten wir zwei kleinere Abenteuerzines, eine bedruckte Posterkarte, Postkarten, Dateien für Virtual Tabletops (VTT) und einige digitale Erweiterungen. Es ist das bislang größte Third Party Projekt für Pirate Borg.

Der Kickstarter läuft nur noch bis zum 11. September, gegen 20 Uhr deutscher Zeit. Mitmachen kann man vor allem darüber, denn manche Materialien sind exklusiv nur jetzt erhältich und die Abenteuer werden im Handel später ein wenig teurer sein.

Ob es eine deutsche Ausgabe geben wird, steht noch in den Sternen. Wir haben auf jeden Fall Interesse daran und würden Euch bei System Matters auch gerne unterstützen, jetzt da ihr Pirate Borg übersetzt. Systeme leben durchaus ja auch von ihren Abenteuern. Das Grundbuch bietet zwar etliche Werkzeuge, mit denen viele Leute nahezu alles selbst gestalten können, aber einige freuen sich dann doch immer über vorgefertiges Material. Vielleicht, Daniel, sollten wir einfach bald noch einmal telefonieren?

Daniel: Wir quasseln bald, Alexander. Vielen Dank für das Interview und den Einblick in die Arbeit. Ich freu mich schon auf Ravaged by Storms!